A  A+  A++
REHA-Verein Freiburg  |  Berliner Allee 11a  |  79110 Freiburg  |  Telefon 0761/ 38 65-0  |  Telefax 0761/ 38 65-100

Chronik


                                                        ...einige Gedanken

                                 zum 25 j√§hrigen Jubil√§um des REHA - Vereins

                              
                                      vorgetragen im Gottesdienst am 25.06.04
                          in der Kirche des Zentrums f√ľr Psychiatrie in Emmendingen
 
Als ich vor einiger Zeit von Ihnen gebeten wurde, im Jubiläums -Gottesdienst, der auf Initiative von Ihnen, den Bewohnern und Tagesstättenbesuchern sowie Werkstattmitarbeitern selbständig gestaltet wird, einige Worte zum 25 jährigen Jubiläum des REHA -Vereins zu sagen, habe ich zunächst einmal gezögert.
Denn der REHA -Verein ist ja ganz bewusst als weltanschaulich neutrale Organisation gegr√ľndet worden, um von Anfang an auch ein Zeichen weltanschaulicher und damit auch religi√∂ser Neutralit√§t und Toleranz zu setzen.

Doch dann fiel mir ein Gedanke ein, den der Schriftsteller Heinrich B√ľll anl√§sslich seiner Rede bei der Verleihung des Literaturnobelpreises in Bezug auf die geschichtliche Bedeutung der Religionen zum Ausdruck gebracht hat.
Er sagte damals sinngemäß:
" Die große geschichtliche Leistung der Religionen besteht darin, dass sie Bilder geschaffen haben, die den Menschen Sinn und Orientierung geben können. "

" ...Bilder..., die den Menschen Sinn und Orientierung geben können..."

Bei diesem Gedanken erinnerte ich mich daran, dass eine wesentliche, wenn nicht die geschichtliche Leistung der j√ľdischen Religion darin besteht, die j√§hrlichen Feste, wie sie in jeder Religion damals gefeiert wurden, aus dem ewig gleichen Naturkreislauf gel√∂st und an geschichtliche Ereignisse  gebunden zu haben.
Erst dadurch wurde das Feiern von Jubil√§en als Erinnerung bzw. die ritualisierte Wiederholung von einmaligen geschichtlichen Ereignissen als Jubil√§um √ľberhaupt m√∂glich bzw. sinnvoll.

Wurden bei den  " Naturv√∂lkern "  und auch noch in  der Antike die religi√∂sen Feste, die immer auch Volksfeste waren, noch in Abh√§ngigkeit vom j√§hrlichen Naturkreislauf gefeiert     ( z.B. das Fr√ľhlingsfest als Feier der Aussaat, das Herbstfest als Feier der Ernte ), so hat das j√ľdische Volk diese Feste uminterpretiert und sie zur Erinnerung an geschichtliche Ereignisse seiner eigenen Vergangenheit genutzt.

So wurde z.B. aus dem Fr√ľhlingsfest das Passahfest, als das Fest der Erinnerung
                 - an den Auszug aus ?gypten, dem Land der Unfreiheit
                 - an die langj?hrige W?stenwanderung und
                 - an die " Volkswerdung " d.h. an das

" Zu - sich -selber - Kommen " in der W√ľste.

Die Fr√ľhlingsfeiern und die entsprechenden Jubil√§en dienten dann ausschlie√ülich dieser Erinnerung und die Feier dieser Erinnerung an den Ursprung der " Volkswerdung in der W√ľste " diente der Orientierung f√ľr die Zukunft.


Was hat das nun mit dem REHA - Verein zu tun ?

Nun, das Feiern des 25 jährigen Jubiläums des REHA - Vereins kann ebenfalls der Erinnerung an den Anfang dienen, der Erinnerung daran, " wie das Alles entstanden ist ".

Und am Anfang ( vor der Gr√ľndung ) war f√ľr uns, die Gr√ľnder des REHA - Vereins, eine Situation gegeben, die man als " ges√§ttigt " h√§tte bezeichnen k√∂nnen:

Wir leisteten ( bei einem anderen Träger ) erfolgreiche Arbeit, die fachliche Anerkennung genoss, hatten gute Gehälter usw. und hätten eigentlich zufrieden sein können.
Aber wir arbeiteten in einer Organisation, die sehr fragw√ľrdig war, die nicht unseren √úberzeugungen und Wertma√üst√§ben entsprach.

Aus dieser Unzufriedenheit wuchs eines Tages der Entschluss:

Wir machen uns selbständig, wir gehen unseren eigenen Weg...!

Doch als wir diesen Entschluss vor 25 Jahren in die Tat umsetzten, machten wir schon bald die Erfahrung:
von fast allen Seiten jede Menge Gegenwind... und das Jahre lang.

W√§hrend dieser Zeit lag ich damals in der Lehranalyse innerhalb meiner psychotherapeutischen Fortbildung dreimal in der Woche auf der Couch (√ľber weite Strecken ebenfalls eine " W√ľstenwanderung ").

Ich erinnere mich noch gut an eine Szene:
Nachdem ich dem Psychoanalytiker wieder einmal ausf√ľhrlichst meine chronischen Frustrationen √ľber die m√ľhselige Aufbauarbeit des REHA - Vereins dargelegt hatte, schloss ich mit dem Satz:

                      " Wir haben die Fleischt√∂pfe √Ągyptens verlassen und nun...√ľberall nur W√ľste."

Der Psychoanalytiker:
"Das ist ein Bild aus der Bibel. Sie vergessen dabei, dass damals diejenigen, die die Fleischt√∂pfe √Ągyptens verlassen hatten, in der W√ľste zu sich selbst gekommen sind ."

Nun,
auch dies ist Vergangenheit...

Doch wenn sich in Erinnerung an die Anfänge des REHA - Vereins nach 25 Jahren eines sagen lässt, dann ist es dieses:
Der Anfang glich einer m√ľhsamen Wanderung durch die W√ľste. Doch:

Wir sind unseren Weg gegangen...

Und
 
    - vielleicht ist dies die einzige Botschaft nach 25 Jahren,

    - vielleicht auch die einzige Zielsetzung der Arbeit des REHA - Vereins,
          die auch heute noch selbst der h√§rtesten Ideologiekritik standh√§lt,

    - vielleicht die einzige " P√§dagogik - ", " Therapie - " bzw. " Reha " - Zielsetzung ,

die f√ľr alle gelten kann,
auch - oder gerade - f√ľr diejenigen, die ihr eigenes "Krank-Sein" mehr oder weniger oft als W√ľste erleben:

Den eigenen Weg suchen und ihn gehen!

Und die Tatsache, dass sie, die Bewohner, die Tagesstättenbesucher sowie Werkstattmitarbeiter
- zum 25 j√§hrigen Jubil√§um die Initiative f√ľr diesen Gottesdienst ergriffen haben,
- dass Sie die Idee hierzu hatten und
- dass sie diese Idee heute selbständig in Realität umsetzen, indem Sie die Gestaltung
  des Gottesdienstes √ľbernommen haben,

ist z. B. ein Schritt auf genau diesem Weg:

Selbst die Initiative ergreifen und - möglichst zusammen mit Anderen -
Wirklichkeit gestalten!

       - Den eigenen Weg suchen
       - Den eigenen Weg gehen

und noch eines:

       - Keine Angst vor W√ľsten !

Man kann tatsächlich in ihnen zu sich selbst kommen !

N. Klein-Alstedde

Zur√ľck zur Chronik